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Coaching-Thema: Mental Load

 


Coaching-Thema: Mental Load

 

Jürgen Stolze

Online publiziert: 17.04.2026

© Jürgen Stolze – Coaching, Consulting & Trainings GmbH 2026


 

Inhalt

1 Theoretische Grundlangen

1.1 Mental Load – ein Überblick

1.2 Besonders belastete Personengruppen

1.3 Wie unterscheidet sich Mental Load von Stress?

1.4 Verschiedene Dimensionen von Mental Load

1.5 Gesundheitliche Auswirkungen vom Mental Overload

2 Vorgehensweise im Coaching

2.1 Mental Load erkennen

2.2 Mental Load Vermutung überprüfen

2.3 Methoden und Tools im Coaching-Prozess

Literaturverzeichnis 

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Zusammenfassung

Mental Load bezeichnet die unsichtbare, oft als belastend empfundene kognitive Beanspruchung, die durch das ständige Planen, Koordinieren und Verantworten von komplexen Alltags- und Arbeitsabläufen entsteht. Die als "unsichtbare Arbeit" bezeichnete Tätigkeit betrifft in hohem Maße Personengruppen wie Frauen in Paarbeziehungen, berufstätige Eltern sowie Führungskräfte. Das permanente Monitoring und die psychische Präsenz unerledigter Aufgaben - verstärkt durch den sogenannten Zeigarnik-Effekt - binden die kognitiven Ressourcen dauerhaft. Schlägt dieser Zustand in eine chronische "Mental Overload" um, können schwerwiegende gesundheitliche Folgen die Folge sein. Dazu zählen emotionale Erschöpfung, Burnout oder physische Beschwerden durch dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel. Ein professionelles Coaching zielt darauf ab, an diesem Punkt anzusetzen und verborgenen Belastungsmustern durch gezielte Methoden wie eine Aufgabeninventur auf den Grund zu gehen. Mittels Reflexion und Priorisierung werden Klienten zu einer nachhaltigen Entlastung geführt.


Schlüsselwörter 

Mental Load · Mental Overload · Emotional Load · Burnout · Stress · Belastung · Überlastung · Unsichtbare Arbeit · Cognitive Load Theory · Zeigarnik-Effekt · Meta-Parenting · Care-Arbeit · Aufgabeninventur · People Pleasing · Perfektionismus · Selbstführung · Achtsamkeit

 
Gender-Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in dieser Arbeit die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform bein- haltet keine Wertung.

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1           Theoretische Grundlangen

Eine zunehmende Tendenz zur mentalen Überlastung ist in der heutigen Zeit zu verzeichnen. Dieser Umstand ist auf die gleichzeitige Bewältigung beruflicher Anforderungen, familiärer Verpflichtungen und privater Pflichten zurückzuführen. Des Weiteren sind die konstante Erreichbarkeit, die digitale Reizüberflutung sowie der gesellschaftliche Anspruch, in sämtlichen Lebensbereichen zu jeder Zeit den Überblick zu bewahren, zu nennen. Dies resultiert nicht nur in einer Zunahme der Aufgaben, sondern insbesondere in einer signifikanten Steigerung der mentalen Belastung. Die Notwendigkeit, sämtliche Aspekte zu berücksichtigen, sämtliche Prozesse zu koordinieren und jegliche Eventualitäten zu antizipieren, führt zu einer substanziellen Steigerung der psychischen Beanspruchung. In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen von Mental Load dargelegt.

1.1        Mental Load – ein Überblick

Immer öfter suchen Klienten Coaches auf, die sich dauerhaft überlastet fühlen. Dabei berichten sie, dass sie permanent an alles gleichzeitig denken müssen, für das sie sich verantwortlich fühlen. Sie haben das Gefühl alles monitoren zu müssen, damit nichts schief geht.

Bereits beim Aufwachen setzt sich das kognitive Gedankenkarussell in Bewegung (s.Abb. 1): Sind die Brotdosen gefüllt? Hat die Kollegin die Präsentation wirklich finalisiert? Wann muss das Auto zum Reifenwechsel, und was schenken wir eigentlich der Schwiegermutter?

Abb. 1: Das tägliche Gedankenkarussell (Eigene Darstellung. KI generiert)

Doch was steckt hinter diesem Phänomen einer permanenten mentalen Überlastung und wie kann ein Coach mit Klienten an diesem Thema in der Praxis arbeiten?

Lassen Sie uns zunächst das Thema mentale Überlastung näher beleuchten. Das Phänomen, ständig an zahlreiche Aufgaben gleichzeitig denken zu müssen und die Verantwortung für unsichtbare Abläufe im Alltag zu tragen, wird als Mental Load bezeichnet. Das Konzept knüpft an die „Cognitive Load Theory“ von Sweller und Chandler an, die beschreibt, wie begrenzt unsere kognitiven Ressourcen sind und wie Belastung entsteht, wenn mehrere Anforderungen parallel verarbeitet werden müssen. Mental Load bezeichnet genau diese zusätzliche kognitive Belastung: das ständige Planen, Koordinieren und Delegieren von Alltags und CareAufgaben - meist zusätzlich zur beruflichen Verantwortung (Chandler & Sweller, 1991).

Definition

Mental Load bezeichnet eine subjektiv als belastend empfundene kognitive und psychische Beanspruchung durch Verantwortungsübernahme. Diese bezieht sich auf komplexe zu planende und zu koordinierende Aufgaben und Handlungsabläufe sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich (Werner, 2025)

Wenn offene To-dos oder organisatorische Pflichten ständig im Kopf präsent sind und die Belastung verstärken, bis sie erledigt sind, so trägt der "Zeigarnik-Effekt" (benannt nach Bluma Zeigarnik, die 1927 die Wirkung von Spannungszuständen auf das Gedächtnis untersuchte) dazu bei. Der Effekt beschreibt das psychologische Phänomen, dass Menschen sich besser an unvollendete oder unterbrochene Aufgaben erinnern als an abgeschlossene. Zeigarnik führte zur Erklärung an, dass unerledigte Aufgaben eine unbefriedigte Spannung darstellen, die deswegen eine „gedächtnismäßige Bevorzugung“ erhalten (Bak, 2019, S. 88).

Die Vielzahl an Informationen, die tagtäglich auf uns einströmt - sei es in Form von Messenger-Nachrichten, die wir nur überfliegen, unbeantworteten E-Mails oder offenen Tabs, die wir für später aufbewahren - führt dazu, dass wir immer mehr Aufgaben beginnen, aber immer weniger abschließen. Doch warum überfordern uns offene To-dos? Hier spielt das Arbeitsgedächtnis eine zentrale Rolle. Es speichert Informationen kurzfristig, verknüpft sie und hält sie verfügbar. Begonnene Aufgaben aktivieren neuronale Netzwerke, die in Bereitschaft bleiben, bis ein Abschlusssignal eintritt. Fehlt dieses Signal, bleibt die Aufgabe als mentale „offene Schleife“ im System hängen – und bindet dauerhaft Ressourcen (Harf, 2025).

1.2        Besonders belastete Personengruppen

Nicht jede Person erlebt Mental Load gleich stark, aber betroffen sein kann grundsätzlich jeder. Besonders häufig wird Mental Load dort sichtbar, wo Verantwortung ungleich verteilt ist, etwa in Familien, Pflegekontexten oder bei dauerhafter Koordination im Alltag. Daran anknüpfend stellt sich die Frage, ob man bestimmte Personengruppen identifizieren kann, die von Mental Load besonders betroffen sind?

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass dieses Phänomen theoretisch jeden treffen kann, die Belastung jedoch in bestimmten demografischen Gruppen massiv konzentriert ist. Die zentralen Personengruppen sind:

Frauen in Paarbeziehungen mit einem Mann: Diese Gruppe wurde bislang am umfassendsten untersucht. Untersuchungen legen durchgehend nahe, dass Frauen (sowohl in berufstätigem als auch in nicht-berufstätigem Kontext) den überwiegenden Teil der mentalen Organisationsarbeit im Haushalt übernehmen. Die Forschung von Daminger (2019) verdeutlicht dies insbesondere in ihrer Analyse der Haushaltsführung, die vier Schritte umfasst: Antizipieren, Identifizieren, Entscheiden und Überwachen. Frauen übernehmen signifikant häufiger alle vier Phasen, während Männer eher bei der Ausführung („Doing“) helfen (Daminger, 2019).

Erwerbstätige Eltern (insbesondere Mütter): Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht oftmals mit einer sogenannten "Double Burden" (Doppelbelastung) einher. Die Forschung zeigt, dass Mütter im Vergleich zu Vätern während der Arbeitszeit signifikant häufiger mit Familienmanagement beschäftigt sind. Dies kann zu einer permanenten kognitiven Überlastung führen (Dean et al., 2022).

Alleinerziehende: Sie sind besonders belastet, da sie Erwerbsarbeit, Haushalt und Kinderorganisation allein stemmen müssen. Dies bestätigen die Ergebnisse einer repräsentativen forsa-Befragung von Müttern und Vätern im Auftrag der hkk (hkk Krankenkasse, 2025). Studien belegen zudem, dass sie deutlich häufiger gesundheitlich beeinträchtigt sind als Mütter in Partnerschaften (Rattay et al., 2024).

Pflegende Angehörige: Menschen, die Angehörige pflegen (z. B. Eltern oder Partner), sind besonders stark von Mental Load betroffen; dies zeigt sich in erhöhtem Stress, psychischer Belastung und einer hohen „geistigen“ Überforderung durch die Pflegeorganisation (Chang et al., 2010).

Personen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen: Prekäre Arbeitssituationen mit z. B. unsicheren Verträgen und unregelmäßigen Arbeitszeiten können den Mental Load erhöhen (Hult et al., 2025). Aber auch Selbstständigkeit können betroffen sein (Kiefl et al., 2024), da hier die Grenze zwischen Privatleben und Arbeit verschwimmt. Dabei zeigt sich, dass Selbstständige hohe kognitive Anforderungen (Multitasking, Entscheidungsdruck, Verantwortung) als zentrale Stressoren erleben, die zu kognitiver Überlastung und Burnout beitragen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass eine partnerschaftliche bzw. geschlechtsspezifische Ungleichheit zwischen Frauen und Männern bei der Aufteilung von Kinderbetreuung, Hausarbeit und Pflege von Angehörigen gibt. So konnte auf Basis der WSI-Erwerbspersonenbefragung gezeigt, werden, dass Frauen bzw. Mütter den größten Teil des Mental Loads tragen. Insbesondere, wenn Kinder im Haushalt leben bzw. Frauen in Teilzeit arbeiten, übernehmen sie die Hauptlast. Der Mental Load ist jedoch selbst dann ungleich zuungunsten von Frauen verteilt, wenn diese in Vollzeit beschäftigt sind (Lott & Bünger, 2023).

Führungskräfte: Aufgrund der Fülle an Aufgaben, die zu bearbeiten sind (Work Load) und die Fülle der Dinge, die gleichzeitig zu bedenken sind (Mental Load), können besonders Führungskräfte von Überlastung betroffen sein. Sie handeln in Überlastungssituationen dann häufig intuitiv und führen unbewusst. Intuition ist im Führungsalltag hilfreich, etwa wenn es schnell gehen muss. Aber wer nur aus dem Bauch heraus führt, übersieht leicht wichtige Informationen und trifft selten die besten Entscheidungen (Gierhan, 2025, S. 49). Dies kann dazu führen, dass auch die strategische Qualität sinkt, das Vertrauen und die Verlässlichkeit bei den Mitarbeitern verschwindet und die Fähigkeit, proaktiv zu steuern verlogen geht, da die Führungskraft im operativen Hamsterrad gefangen bleibt.

An dieser Stelle empfiehlt es sich, eine Abgrenzung vom Thema Stress näher zu betrachten.

1.3        Wie unterscheidet sich Mental Load von Stress?

Während Mental Load eine Form kognitiver Dauerbelastung ist, die unabhängig davon existiert, ob gerade akuter Stress empfunden wird, versteht man unter Stress ein biopsychologischer Zustand, der entsteht, wenn Anforderungen die eigenen Ressourcen zu übersteigen drohen. Dabei sind typische Merkmale:

-        Physiologische Reaktionen (z. B. erhöhter Puls, Cortisolausschüttung)

-        Psychische Reaktionen (z. B. Überforderung, Gereiztheit)

-        Auslöser können körperlich, emotional, sozial oder kognitiv sein

Mental Load ist die unsichtbare Last der Verantwortung, das das Denken an alles, was getan werden muss, bevor es überhaupt getan wird beinhaltet (Van Der Meer et al., 2025). Stress wird in diesem Zusammenhang als Reaktion auf wahrgenommene Belastungen verstanden. Diese Belastungen sind körperlicher, emotionaler und kognitiver Natur und übersteigen die Ressourcen, die zur Bewältigung zur Verfügung stehen (Werdecker & Esch, 2022) Dabei kann Mental Load Stress auslösen, muss es aber nicht. Stress kann auch ohne Mental Load entstehen (s. Abb. 2).

Abb. 2: Mental Load und Stress (Eigene Darstellung, KI generiert)

Doch die entscheidende Frage lautet: Warum erschöpft uns dieses reine „Drandenken“ oft weit mehr als das eigentliche „Tun“?

1.4        Verschiedene Dimensionen von Mental Load

Der Kern des Mental Load liegt in der feinen, aber gewichtigen Unterscheidung zwischen der Ausführung einer Aufgabe und der mentalen Verantwortung dafür. Filomena Sabatella bringt es auf den Punkt: „Es geht nicht darum, wer die Aufgabe dann ausführt, sondern wer daran denkt, diese auszuführen.“ (Sabatella & Gundrum, 2025).

Bei Mental Load handelt es sich um eine Form des permanenten Monitorings. Es handelt sich um eine Form der „unsichtbaren Arbeit“ (s. Abb. 3), da sie nicht als Arbeit anerkannt wird, weil sie unbezahlt, unreguliert und außerhalb arbeitspolitischer Aufmerksamkeit stattfindet. Diese Verunsichtbarungen von Arbeit findet in vielen weiteren Dimensionen statt (Carstensen & Klein, 2020). Arbeit kann in informeller Form erfolgen und sich somit expliziten Anweisungen entziehen. Der Arbeitscharakter kann dabei so implizit oder entgrenzt sein, dass er den Ausführenden selbst nicht bewusst ist. Zudem kann Arbeit – etwa in Form von emotionaler Arbeit – tief in die Persönlichkeit und Körperlichkeit der Beschäftigten eingreifen und diese instrumentalisieren (Hochschild, 2012).

Abb. 3: Unsichtbare Arbeit (Eigene Darstellung, KI generiert)

Um die Komplexität des Mental Load besser greifen zu können, kann man Mental Load in verschiedene Dimensionen zerlegen (s. Abb. 4). Dabei kristallisieren sich fünf zentrale Bereiche heraus (Sabatella & Gundrum, 2025):

Abb. 4: Dimensionen von Mental Load (Eigene Darstellung, KI generiert)


-        Konkrete Alltagsaufgaben: Die tägliche Logistik in Familie, Haushalt und Beruf.

-        Selbstbezogener Load: Die kognitive Arbeit für das eigene Ich – von Neujahrsvorsätzen („Ich sollte mehr lesen“) bis zur mühsamen Abgrenzung zwischen Homeoffice und Privatleben.

-        Meta-Parenting: Die elternspezifische Verantwortung für Erziehungswerte, den Umgang mit Suchtmitteln oder die kritische Begleitung der Mediennutzung.

-        Emotional Load: Die emotionale Verantwortung für das Umfeld. Wer fängt die schlechte Stimmung im Team ab? Wer denkt daran, sich bei der einsamen Nachbarin zu melden?

-        Management: Die übergeordnete Koordination, etwa das Finanzmanagement oder die Gesundheitsvorsorge für Angehörige.

Die Sichtbarmachung dieser „unsichtbaren Arbeit“ besonderes deshalb von Bedeutung, weil sie eine Arbeit benennt, die nirgends niedergeschrieben steht und deshalb oft erst dann auffällt, wenn das System zusammenbricht.

Es ist leicht vorstellbar, dass „Mental Load“ bei vielen Menschen zu einer starken Überlastung („Mental Overload“) führen kann. Doch welche potenziellen gesundheitlichen Auswirkungen können damit verbunden sein?

1.5        Gesundheitliche Auswirkungen vom Mental Overload

Ein zu großer Mental Load führt zu chronischem Dauerstress, der die kognitive Verarbeitungskapazität überschreitet und dadurch zu einer schädlichen psychischen Fehlbelastung wird. Diese ständige, oft unsichtbare Planungs- und Organisationsarbeit manifestiert sich laut wissenschaftlichen Studien in einer Vielzahl von gravierenden psychischen und physischen Krankheitsbildern (Ferreira & Vogt, 2022).

Psychische Erkrankungen: Wissenschaftliche Untersuchungen belegen einen direkten Zusammenhang zwischen unsichtbarer Denkarbeit und ernsthaften psychologischen Leiden. Studien der Universität Krakau sowie aktuelle empirische Forschungen (2025) zur Cognitive Load Theory bestätigen, dass diese permanente kognitive Überlastung hochsignifikant in emotionaler Erschöpfung und Burnout mündet. Zudem wiesen Forscher der Universität Los Angeles bei stark belasteten Personen vermehrt depressive Symptome, chronische Angstzustände sowie anhaltende Schlaf- und Konzentrationsstörungen nach (Dhar & Dhupar, 2025).

Physische Beschwerden: Der Körper reagiert auf die permanente gedankliche Alarmbereitschaft messbar, was sich klinisch beispielsweise durch einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel nach- weisen lässt. Diese chronische neuroendokrine Stressantwort lässt den Blutdruck sowie die Atem-frequenz ansteigen und kann langfristig ernsthafte Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Herzrhythmusstörungen begünstigen. Darüber hinaus äußert sich die körperliche Dauerbelastung sehr häufig in psychosomatischen Schmerzsyndromen wie Migräne, massiven muskulären Verspannungen, Tinnitus oder schwerwiegenden Magen-Darm-Problemen (Peer & Riederer, 2025).


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2           Vorgehensweise im Coaching

Zunächst ist es als Coach wichtig, die mentale Überlastung beim Klienten zu erkennen. Das ist deshalb nicht so einfach, da es sich um eine „unsichtbare“ Dauerbelastung handelt. So kommen Klienten mit einem anderen oder unspezifischen Anliegen zu einem Coach. Erkennt man jedoch im Laufe des Gespräches Anzeichen von Mental Load, empfiehlt es sich, diese Anzeichen näher zu überprüfen und gegebenenfalls das Coachingziel mit dem Klienten neu zu justieren.

Bestimmte Klientenprofile zeigen eine erhöhte Anfälligkeit für Mental Load. Wie bereits erwähnt, sind Frauen, Eltern, pflegende Angehörige sowie Personen in sozialen Berufen aufgrund der vielfältigen und emotionalen Anforderungen, denen sie gleichzeitig ausgesetzt sind, besonders gefährdet. Auch individuelle Eigenschaften sind von Relevanz. Ein starkes Verantwortungsgefühl, ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein und eine hohe Empathie können die Belastungsanfälligkeit erhöhen. Zu den Risikogruppen zählen insbesondere sogenannte "People Pleaser". Diese vermeiden Konflikte und stellen die Bedürfnisse anderer über die eigenen. Eine weitere Risikogruppe bilden Perfektionisten, die in allen Lebensbereichen nach makelloser Leistung streben.

2.1        Mental Load erkennen

Doch wie kann man ein Mental Load-Thema als Coach bei einem Klienten erkennen? Als Coach können Sie an konkreten Sprach, Verhaltens und Körpersignalen wahrnehmen, dass Mental Load eine Rolle spielt. Häufig zeigt sich das Thema eher „zwischen den Zeilen“.

Typische Selbstbeschreibungen: Klientinnen und Klienten berichten dann etwa, sie müssten ständig an alles denken, fühlten sich erschöpft oder leistungsschwach – obwohl nach außen hin alles „wie immer wirkt“. Sie haben ständig eine nicht endende Liste von To-dos im Kopf. Dabei schildern sie das Gefühl, „für alles zuständig“ zu sein oder sich „für alle und alles verantwortlich“ zu fühlen – verbunden mit der Überzeugung, dass ohne ihre Planung und Organisation weder zu Hause noch im Büro nichts funktionieren würde.

Emotionalkognitive Muster: Viele Klienten berichten von ausgeprägter Erschöpfung, obwohl sie ausreichend schlafen, von Konzentrationsproblemen oder einem inneren „Geräuschpegel“, bei dem mehrere Gedanken gleichzeitig kreisen und Grübeln kaum zur Ruhe kommt. Häufig treten Schuldgefühle auf, sobald sie Aufgaben abgeben oder loslassen wollen, begleitet von der Angst, etwas zu vergessen. Perfektionistische Ansprüche an sich selbst und teilweise auch an andere verstärken diesen Druck zusätzlich. Typisch sind außerdem Beschreibungen einer „permanenten Hintergrundbereitschaft“: beruflich kreisen die Gedanken um offene Aufgaben im HomeOffice, privat um Termine, Erledigungen oder den Essensplan.

Verhaltens und KörperAnzeichen: Mikrosignale von Anspannung wie verkrampfte Schultern, häufiges Durchatmen, tastende Berührungen des Kopfes, häufige Unterbrechungen durch eigene TodoErinnerungen können auf eine Überlastung hindeuten. Oft zeigt sich zudem eine ausgeprägte Fürsorge. Sie unterstützen andere übermäßig, planen voraus, halten vieles zusammen, gönnen sich selbst jedoch kaum Pausen oder Freiräume. Ein weiteres Muster ist die Kombination aus Aufgabenlosigkeit und innerer Unruhe. Die Coaching-Sitzung wird mit vielen Themen gefüllt, doch echte Ruhe oder Klarheit entsteht kaum, weil der Fokus darauf liegt, möglichst alles gleichzeitig im Blick zu behalten.

Spezifische Rollen- und Beziehungsmuster: Häufig berichten Klienten von einer unklaren Rollenverteilung, etwa indem sie „immer die Person sind, die an Termine denkt, Meetings plant oder Beziehungen pflegt“. Hinzu kommen unausgesprochene Erwartungen des Partners, der Familie oder des Teams. Alle verlassen sich auf die stille Fürsorge und Organisation, ohne dies explizit zu benennen. Typisch ist zudem eine fehlende Delegationstiefe. Dabei werden operative Aufgaben zwar abgegeben, doch die Verantwortung für das Mitdenken, Strukturieren und „ImBlickBehalten“ bleibt beim Klienten und verstärkt so den Mental Load weiter.

Des Weiteren berichten Klienten im Kontext einer ungleichen Verteilung der familialen Lasten häufig von wiederkehrenden Konflikten innerhalb der Partnerschaft. Den meisten Paaren ist diese Aufteilung nicht bewusst, was unweigerlich zu Konflikten führt. Denn implizit gehen Paare davon aus, dass sie gleichberechtigt Eltern sein wollen und sind (Schrammel, 2022, S. 375).

2.2        Mental Load Vermutung überprüfen

Um als Coach zu ermitteln, ob beim Klienten tatsächlich ein Thema der mentalen Belastung vorliegt, können Sie entsprechende Fragen stellen, z. B.:

-        Frage nach „HintergrundAufgaben“: „Was läuft im Hintergrund in Ihrem Kopf, wenn Sie von Arbeit oder Familie erzählen?“ und benennen Sie, ob ToDos, Erwartungen oder Risiken im Mittelpunkt stehen.

-        Nutzung von Skalenfragen: „Von 1 bis 10: Wie stark tragen Sie die Verantwortung dafür, dass alles rund läuft?“ und „Wie viel davon können Sie ohne Schuldgefühle weggeben?“.

-        Spiegeln von Inhalten und Prozessen: „Mir fällt auf, dass Sie sehr viele Aufgaben und Sorgen für andere erwähnen – fast wie ein mentaler Dienstplan im Kopf. Wie erleben Sie das für sich?“.

2.3        Methoden und Tools im Coaching-Prozess

Die nachfolgend aufgeführten Methoden und Tools sind als Vorschläge zu verstehen und müssen sowohl zum Klienten als auch zum Coach passen.

Aufgabeninventur und Reflexion: Eine zentrale Maßnahme ist die Aufgabeninventur: Der Klient listet alle täglichen Aufgaben – sichtbare wie unsichtbare – detailliert auf. Der Mental Load-Test der Initiative "Equal Care Day" kann hier unterstützen („Equal Care Day - Mental Load“, o. J.). Dies schafft erstes Bewusstsein für die unsichtbare Last des Mental Loads.

Reflexionsfragen zur Entlastung: Durch gezielte Fragen wie „Welche Aufgaben sind für andere tatsächlich sichtbar?“, „Was lässt sich delegieren oder abgeben?“ oder „Welche Verantwortung muss ich wirklich tragen?“ wird der Klient zu einer priorisierenden Neubewertung geführt.

Methoden zur Reduktion: NLP-Tools wie Timeline-Arbeit (zur Identifikation des Belastungsbeginns), Reframing (Neudeutung von Verantwortung) sowie Ankern und Zielvisualisierung fördern einen strukturierten, belastungsarmen Umgang mit Anforderungen.
Coachs sollten auf typische Abwehrmechanismen vorbereitet sein, die Klienten beim Reduzieren von Mental Load einsetzen.

-        Gatekeeping: zeigt sich darin, dass die belastete Person niemanden in ihren Verantwortungsbereich lässt, weil sie glaubt, alles selbst besser zu können.

-        Die Angst vor der Lücke: entsteht, wenn Routinen wegfallen und Verlustgefühle oder Unsicherheit aufkommen – diese Leere muss oft erst ausgehalten werden, bevor sie gesund neu gefüllt werden kann.

-        Weaponized Incompetence: beschreibt die bewusste oder unbewusste Strategie eines Partners, sich durch vorgetäuschte Unfähigkeit der Verantwortung zu entziehen.

Werden die mentale Belastung und die damit verbundene Verantwortung mehr als wichtiges Signal denn als Schwäche betrachtet, so zeigt diese Belastung, dass jemand zu viel Verantwortung trägt - oft für andere.

In diesem Kontext können unbewusst übernommene Rollen reflektiert und innere Glaubenssätze überprüft (z. B. „Ich bin der/die Einzige, die das wirklich gut kann.“, „Andere werden es vermasseln, wenn ich nicht helfe.“, „Es ist meine Verantwortung, alles perfekt zu machen.“, „Ohne mich läuft hier gar nichts.“, „Ich muss alles kontrollieren, sonst geht es schief.“) werden.

Darüber hinaus ist eine Stärkung der Selberführung und Achtsamkeit des Klienten von essentieller Bedeutung. Der bewusste Umgang mit Stressoren kann durch Mikropausen, Embodiment-Übungen und Atemarbeit verbessert werden.


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Literaturverzeichnis

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