Detachment im Führungsalltag: Abschalten als organisationaler Erfolgsfaktor
__________________________________________________
Jürgen Stolze
__________________________________________________
Detachment im Führungsalltag bezeichnet die mentale Distanz zur Arbeit in der Ruhezeit (Hu et al., 2026; Sonnentag et al., 2010). Für Führungskräfte ist dieses Abschaltverhalten ein zentraler Indikator dafür, ob Teams nachhaltig arbeiten oder sich schleichend erschöpfen (Sonnentag & Schiffner, 2019; Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017). Erholung ist somit kein individuelles Privatproblem (Bennett et al., 2018), sondern ein organisatorischer Gesundheitsfaktor (Pütz, 2025).
Gemäß dem Stressor-Detachment-Modell wird dieser
Zusammenhang durch wissenschaftliche Erkenntnisse verdeutlicht. Erhöhte
Arbeitsbelastungen können dazu führen, dass Mitarbeitende Schwierigkeiten
haben, gedanklich abzuschalten (Sonnentag & Fritz, 2015; Wendsche &
Lohmann-Haislah, 2017). Fehlt diese Erholungskompetenz, führt dies zu
spürbaren Effekten in Form von Ermüdung und emotionaler Erschöpfung (Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017). Hohe Anforderungen wirken
sich somit nicht nur auf die Leistung, sondern auch auf die Erholungskompetenz
aus (Sonnentag & Fritz, 2015).
Eine besondere Herausforderung stellt sich, wenn ständige
Erreichbarkeit und die Ausübung der Tätigkeit in der Ruhezeit zusammentreffen.
Das Beantworten von E-Mails, die Erledigung von Aufgaben oder das ständige
gedankliche Durchkauen von Problemen in der Freizeit können die Erholung weiter
reduzieren (Vieten et al., 2022). Negative Stimmung, Grübeln
oder starkes Überengagement können diese Dynamik verstärken. Das Phänomen der
ständigen Erreichbarkeit ist kein Zeichen von Engagement, sondern ein
systemischer Risikotreiber (Sousa & Pires, 2026).
Führungskräfte können Belastungsfolgen frühzeitig erkennen,
indem sie auf das Abschaltverhalten achten. Detachment ist ein Frühwarnsystem
für Überlastung und ein entscheidender Faktor für nachhaltige
Leistungsfähigkeit (Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017).
Um die Erholungsphasen der Mitarbeitenden wirksam zu
schützen, können Führungskräfte direkt auf die Arbeitsgestaltung einwirken (Zhang et al., 2022). Dies gelingt durch das klare
Setzen von Prioritäten, das Vereinbaren realistischer Arbeitsmengen sowie das
Einplanen von Pufferzeiten (Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017). Ebenso sind Erholungsphasen durch
klare Regeln zur Erreichbarkeit sowie aktive Unterstützung von Pausen und
Feierabend zu schützen. Das Vorbildverhalten der Führungskraft ist in diesem
Zusammenhang von großer Bedeutung (Zhu et al., 2026).
Schließlich ist die Etablierung einer Kultur des Abschaltens
im Alltag von hoher Wichtigkeit. Das bewusste Abschalten sollte im Team als
bedeutsame Kompetenz wertgeschätzt werden. Um den Übergang von der Arbeit in
den Feierabend zu gestalten, bedarf es gezielter Teamrituale (Sonnentag et al., 2010). Zudem ist es empfehlenswert,
regelmäßig Reflexion über Belastungen in den Arbeitsalltag zu integrieren (Pütz, 2025). Führungskräfte nehmen
direkten Einfluss auf diesen Prozess durch die Gestaltung der
Arbeitsbedingungen, die Kommunikation und das Vorbildverhalten.
Literaturverzeichnis
Bennett, A. A., Bakker, A. B., & Field, J. G. (2018). Recovery from work‐related effort: A meta‐analysis. Journal of Organizational Behavior, 39(3), 262–275. https://doi.org/10.1002/job.2217
Hu,
Y., Yan, D., Xu, J., Chen, J., & Li, H. (2026). The mediating role of
psychological detachment between transformational leadership and work thriving
among nurses in Chinese tertiary hospitals: A cross-sectional study. Frontiers
in Psychology, 17, 1847889.
https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1847889
Pütz,
L. (2025). Job-related antecedents of psychological detachment from work. The
International Journal of Human Resource Management, 36(9),
1493–1528. https://doi.org/10.1080/09585192.2025.2516791
Sonnentag, S., Binnewies, C., & Mojza, E. J.
(2010). Staying well and
engaged when demands are high: The role of psychological detachment. Journal
of Applied Psychology, 95(5), 965–976.
https://doi.org/10.1037/a0020032
Sonnentag,
S., & Fritz, C. (2015). Recovery from job stress: The stressor-detachment
model as an integrative framework: THE STRESSOR-DETACHMENT MODEL. Journal of
Organizational Behavior, 36(S1), S72–S103.
https://doi.org/10.1002/job.1924
Sonnentag,
S., & Schiffner, C. (2019). Psychological Detachment from Work during
Nonwork Time and Employee Well-Being: The Role of Leader’s Detachment. The
Spanish Journal of Psychology, 22, E3.
https://doi.org/10.1017/sjp.2019.2
Sousa,
C., & Pires, B. (2026). Unable to Switch Off: Fear of Missing Out,
Affective Rumination, and Psychological Detachment from Work. International
Journal of Environmental Research and Public Health, 23(4), 463.
Vieten,
L., Wöhrmann, A. M., & Michel, A. (2022). Boundaryless working hours and
recovery in Germany. International Archives of Occupational and
Environmental Health, 95(1), 275–292.
https://doi.org/10.1007/s00420-021-01748-1
Wendsche, J., & Lohmann-Haislah, A. (2017).
Detachment als Bindeglied zwischen psychischen Arbeitsanforderungen und
ermüdungsrelevanten psychischen Beanspruchungsfolgen: Eine Metaanalyse. Zeitschrift
für Arbeitswissenschaft, 71(1), 52–70.
https://doi.org/10.1007/s41449-017-0044-0
Zhang, J., Zhang, S., Liu, F., & Chen, W. (2022). Make Time for Employees to Be
Sustainable: The Roles of Temporal Leadership, Employee Procrastination, and
Organizational Time Norms. Sustainability, 14(14), 8778.
https://doi.org/10.3390/su14148778
Zhu,
Z., Kuykendall, L., Baines, J. I., & Zhang, B. (2026). Clarifying the
Construct of Supervisor Support for Recovery and Its Impact on Employee
Recovery Experiences. Journal of Management, 52(3),
1173–1216. https://doi.org/10.1177/01492063241311228